MENSCHHEIT 2.0 – Der Weg in den Transhumanismus

Vor nur zwei Jahrhunderten lag die menschliche Lebenserwartung bei 37. Im Zuge der Industrialisierung und des rasanten technischen Fortschritts im Bereich der Humanmedizin und -technologie stehen wir nun vor neuen Herausforderungen, die Folgen dieser Entwicklung sind. Der Autor und Pionier Raymond Kurzweil schafft in seinen Werken Einblicke in die Zukunft der Menschheit, die sehr deutlich die Frage nach der Verantwortung unseres Handelns aufwerfen.

Raymond Kurzweil (*1948), Leiter der technischen Entwicklung bei Google, verbindet in seiner Tätigkeit als Sachbuchautor die Wissenschaft mit der Philosophie. Als Vorreiter der optischen Texterkennung und computergesteuerten Sprachsynthese  (lest mehr hier) befasst er sich in seinen Werken mit futuristischen Denkansätzen, die die Folgen des rasanten technischen Fortschritts unserer Zeit beschreiben. Im besonderen Fokus steht dabei der Mensch. Dadurch schafft Kurzweil eine Interdisziplinarität, die im Zeitalter des Fachwissens oft ausbleibt. Dabei ist es gerade im Bereich der (bio-)medizinischen Technik essentiell seinen Blick auf das große Ganze zu richten.

Schneller, Stärker, Besser

Kurzweils Werk The Singularity Is Near. When Humans Transcend Biology. (2006) gilt als Klassiker des Transhumanismus. Der Transhumanismus beschreibt die nächste Evolutionsstufe der Menschheit als Zusammenschluss von Biologie und Technik. Der Autor ist der Annahme, dass sich diese Wandlung  in den nächsten zwei Jahrzehnten abspielen wird. An Beispielen wie Stephen Hawking oder Oscar Pistorius („The fastest man on no legs“) geht die Humantechnik schon heute an die Grenzen des vor nur 50 Jahren Unvorstellbaren.  Allerdings geht es in Kurzweils Ausblick weniger um den Ersatz fehlender physiologischer Funktionen oder anatomischer Gegebenheiten, sondern um einen ganzheitlichen Eingriff in einen gesunden menschlichen Körper, der uns schneller, stärker, besser macht.

Eine neue Art von Intelligenz

Der Mensch 2.0 wird nicht mehr durch natürliche physiologische Regelkreise und chemische Vorgänge am Leben erhalten, sondern durch eine Vielzahl von Nanobots, die sich in Gehirn und Blutkreislauf befinden. Durch diese molekularen Roboter werden Viren und Schadstoffe ausgesondert und Gendefekte korrigiert. Das Verdauungssystem soll dem materiellen Überfluss angepasst werden und damit Zivilisationskrankheiten vorbeugen. Durch programmierbares Blut soll der Körper über Stunden ohne Sauerstoff auskommen. Alles mit dem Ziel des unsterblichen Menschen. Auch die Art des Denkens wird vollkommen umstrukturiert werden. Durch eine Verknüpfung der menschlichen Neuronen mit dem unüberschaubaren Wissenspool, der sich online befindet, wird das Lernen obsolet und erschafft somit Platz für innovativen Fortschritt. Diese technische Revolution wird Raum für neuartige Wissensschöpfung und moderne Berufszweige eröffnen. Der Fokus wird dabei auf eine Gesellschaft gelegt, die die höchst mögliche Leistung in der kleinstmöglichen Zeit erbringen kann. Global betrachtet stellt diese Entwicklung die Menschheit vor bedeutende Herausforderungen.  Denn medizinischer und technischer Fortschritt rücken Inhalte wie Überbevölkerung und Ressourcenknappheit noch mehr in den Mittelpunkt.

Aus großer Macht folgt große Verantwortung

„Gott spielen“ nennt der Autor die Eingriffe in den menschlichen Körper, die das Leben verlängern sollen und der natürlichen Selektion –zumindest in einem privilegierterem Umfeld- entgegenwirken. Es bleibt nun die Frage, ob wir tatsächlich der Natur mit unseren Methoden ein Schnippchen schlagen oder ob eben dieser Fortschritt genau in das Darwin`sche Prinzip des Survival of the Fittest passt. Wenn ja, so bleibt die nächste Stufe der Evolution wohl vorerst einer vermögenden Elite vorbehalten. Kurzweils beinahe dystopisches Zukunftsbild wird als kontrovers angesehen. Besonders das Tempo, in dem der Autor die neue Wandlung passieren sieht, ist anzuzweifeln. Dennoch behandelt seine Arbeit im größeren Sinne einen unumgänglichen Aspekt: Wir als Medizintechniker unterliegen einer großen Verantwortung, die Folgen unseres Handelns in jedem Schritt der Fortentwicklung zu hinterfragen und somit den Blick weg von unserem Fachgebiet, mehr auf das Gesamtbild zu richten.

 

Quellen

Raymond Kurzweil: https://en.wikipedia.org/wiki/Ray_Kurzweil

Kathleen Miles (2015), “Ray Kurzweil: In the 2030s, Nanobots In Our Brains Will Make Us ‘Godlike’”, The World Post [Zugriff auf: http://www.huffingtonpost.com/entry/ray-kurzweil-nanobots-brain-godlike_us_560555a0e4b0af3706dbe1e2]

Raymond Kurzweil (2006), “The Singularity Is Near: When Humans Transcend Biology”, Viking Press, New York City, USA

 

 

Elena Schrödl